Eröffnet wurde das domicil am 14. März 1969 im Keller einer Kita im Dortmunder Norden. Damals, erzählt Waldo Riedl, sei Jazz noch keine Kultur gewesen – jedenfalls nicht im Sinne einer institutionell geförderten freien Kulturszene.
Gemeinsam mit dem KAPUT – Magazin für Insolvenz & Pop haben wir die Hauptpreisträger:innen aus 2025 besucht mit dem Ziel, die Orte, Menschen und Strukturen sichtbar zu machen, die die Livemusikkultur in Deutschland prägen. Den Text von Thomas Venker gibt es in voller Länge auf www.kaput-mag.com.
Riedl ist Diplomingenieur der Raumplanung, war selbst Musiker und Performancekünstler und verantwortet heute Programm und Betrieb des domicil. Wir sitzen in seinen Büroräumen, draußen drückt an diesem Augusttag die Hitze mit 35 Grad. Fast alle Großen seien über die Jahre die Treppen zum domicil hinuntergestiegen, Ende der 90er-Jahre aber sei der Keller an seine Grenzen gekommen, berichtet Riedl. Der Umzug führte schließlich 2005 in ein ehemaliges Innenstadt-Kino mitten im Herzen der Dortmunder Einkaufsstraßen. Aus dem Kellerclub wurde ein professionelles Kulturzentrum, in dem pro Jahr rund 300 Veranstaltungen stattfinden; die Vereinsstruktur blieb.
Riedl kam eher zufällig vom Künstlerdasein zum Kulturmanager-Job. Als Riedl Vater wurde und sein Vorgänger kürzertreten wollte, probierte er die Programmleitung aus. „Ich hatte noch nie eine Band gebucht.“ Ein Jahr später kamen Fördermittel. Aus dem Ausprobieren war ein Beruf geworden. Vielleicht erklärt diese Biografie, warum das domicil Jazz weniger als Stilrichtung behandelt, denn als offene Praxis: Free Jazz, improvisierte Musik, türkische Musik, Fusion und Jazz-Rock. Mit dem eigenen Orchester stärkt das Haus die lokale Szene. The Dorf entstand parallel zum Umzug; 250 Auftritte hat das von Jan Klare geleitete Orchester inzwischen im domicil gespielt.
Rund 300 Veranstaltungen im Jahr finanzieren sich nicht von selbst. Das domicil erhält eine Grundförderung des Kulturbüros der Stadt Dortmund für Infrastruktur und Personalkosten, dazu rund 50.000 Euro für laufende Programm- und Veranstaltungskosten. Weitere Einnahmen kommen aus Tickets, Gastronomie, Vermietungen und Projektförderungen. Preisgelder wie der APPLAUS-Award werden nicht für das laufende Jahr eingeplant. Wenn sie kommen, fließen sie in die Arbeit an zukünftigen Projekten.
Dass das domicil inzwischen insgesamt elfmal mit dem bundesweiten APPLAUS-Award ausgezeichnet wurde und beim APPLAUS 2025 den Hauptpreis in der Kategorie „Beste Livemusikprogramme“ erhielt, ist deshalb mehr als eine Trophäe; zumal der Preis mit 40.000 Euro dotiert ist (2021 hatte der Club bereits 50.000 Euro Preisgeld erhalten). Dass die Musikerin Angelika Niescier die Laudatio hielt, empfand Riedl als besonders passend: Sie kennt den Club von der Bühne und hatte dort kurz zuvor mit ihrem transatlantischen Trio Beyond Dragons gespielt. Ihre Laudatio war Anerkennung aus der musikalischen Praxis heraus.
Aber selbst Preisgelder schützen vor Finanzproblemen nicht. Die Mieten und Veranstaltungskosten steigen kontinuierlich weiter; die Tagessätze für externe Techniker:innen haben sich seit der Pandemie fast verdreifacht. Eins ist klar: Bei den Künstler:innen will Riedl nicht sparen. Im Zweifel werde lieber ein Konzert weniger gemacht oder eine Vermietung mehr. „Wir sind nicht als gemeinnützige Organisation angetreten, um Musiker:innen auszubeuten. Sie sollen für ihre Kunst angemessen honoriert werden. Das gehört sich einfach.“
Was ihn aber zunehmend an die Grenze bringt, berichtet Riedl zum Schluss, ist die Bürokratie: aktenordnerweise Papier, vom Betriebsarzt bis zum Leiterberechtigungsschein. Vieles davon habe seine Berechtigung, aber insgesamt sei es ausgeartet. Und dann kommt der Satz, der vielleicht am unmittelbarsten beschreibt, warum er das alles trotzdem noch macht: „Man möchte eigentlich nur Bands auf die Bühne bringen.“
Text: Thomas Venker / Foto: Andreas Buck






